IG Metall Alfeld-Hameln-Hildesheim
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18.08.2019, 23:08 Uhr

IG Metall

IG Metall sieht dringenden Handlungsbedarf bei der Transformation

  • 12.06.2019
  • Aktuelles, Betriebe / Branchen

Hannover - Rund 200 Betriebe in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt mit 141 000 Beschäftigten haben sich im April 2019 an der Erstellung eines Transformationsatlas beteiligt. Die IG Metall hat zusammen mit den Betriebsräten eine „Ist-Analyse“ erstellt, die jetzt ausgewertet worden ist: Danach werde es vor allem in der Automobilwirtschaft in 54 Prozent der Betriebe zu einem Rückgang der Arbeitsplätze kommen, in nur 18 Prozent der Betriebe gebe es eine gute Strategie zur Bewältigung der Herausforderungen. Obwohl die Betriebsräte in 95 Prozent der Betriebe einen erheblichen Anstieg des Qualifizierungsbedarfs sehen, gebe es in nur 45 Prozent eine systematische Qualifizierungsermittlung.

Die IG Metall ruft zur Großdemo am 29. Juni in Berlin auf.

Grundlage der Analyse war ein Fragenkatalog mit 93 Einzelfragen. Die Betriebe repräsentieren alle von der IG Metall betreuten Branchen, darunter beispielsweise Maschinenbau, Metall- und Elektroindustrie sowie Automobilindustrie. 

Die Auswertung im Einzelnen:

Arbeitsplätze: Bei der Einschätzung der Beschäftigungsperspektiven, etwa in der Automobilindustrie, sehen die Hälfte der Betriebe (54 Prozent) einen Rückgang der Arbeitsplätze. Nur 8 Prozent prognostizieren einen Zuwachs.

Neue Belastungen: 77 Prozent der befragten Betriebsräte gehen davon aus, dass mit der Digitalisierung neue Arbeitsbelastungen entstehen. 45 Prozent sehen die Möglichkeit, bisherige Belastungen durch die Digitalisierung reduzieren zu können.

Strategien: In nur 18 Prozent der befragten Betriebe gibt es eine Strategie zur Bewältigung der Herausforderungen, in weiteren 19 Prozent sind wenigstens teilweise Strategien vorhanden. In mehr als der Hälfte fehlen Strategien weitgehend oder gar komplett.

Qualifizierung: Während in 95 Prozent der Betriebe die Betriebsräte einen signifikanten Anstieg des Qualifizierungsbedarfs sehen, erfolge in nur 45 Prozent der Betriebe eine systematische Qualifizierungsermittlung. 

IG Metall-Bezirksleiter Thorsten Gröger wies darauf hin, dass der Wandel vor allem die Automobilindustrie und die Zulieferbranchen treffen werde, vornehmlich die Arbeit in der Fertigung und Montage, aber auch in der Verwaltung und Logistik sowie in der Technischen Kundenbetreuung: „Gerade Niedersachsen ist stärker als alle anderen Bundesländer von der Automobilwirtschaft geprägt. Hier hängen mit den Zulieferern 250 000 Arbeitsplätze direkt, insgesamt jedoch 500 000 bis 600 000 Arbeitsplätze vom Auto ab, wenn man die logistischen Dienstleistungen in allen indirekten Bereichen mit hinzuzählt. In Sachsen-Anhalt arbeiten weitere 23 000 Menschen direkt im Zulieferbereich.“

Der Prozess, so Gröger, finde nicht nur in unterschiedlichem Tempo, sondern auch regional abweichend statt: „In den Betrieben passiert der Prozess der Transformation sehr unterschiedlich. In manchen Unternehmen stehen die Transformationsampeln auf Grün, in manchen aber auch auf Tiefrot.“

Als positive Beispiele, dem Wandel zu begegnen, nannte Gröger neben der Volkswagen AG, wo der Betriebsrat erst letzte Woche eine weitere Beschäftigungssicherung für die nächsten zehn Jahre ausgehandelt hat, sowie mittelständische und kleinere Betriebe in Niedersachsen.

Einer der Vorreiter der Digitalisierung in Niedersachsen sei zum Beispiel Phoenix Contact Electronics in Bad Pyrmont. Der „Hidden Champion“ im Bereich Elektrotechnik mit 1700 Beschäftigten in Bad Pyrmont habe seine Transformationsprozesse frühzeitig systematisiert, um Strategien für die Zukunft zu entwickeln. Gröger: „Die Betriebsräte haben Anfang April 2019 eine Ist-Analyse erstellt und durch ihre frühzeitige Beteiligung an den Prozessen bislang verhindern können, dass Arbeitsplätze wegfallen, obwohl die Produktion bereits stark automatisiert ist.“

Beim Armaturenhersteller Braunschweiger Flammenfilter mit rund 340 Beschäftigten haben die Betriebsräte gemeinsam mit der Geschäftsführung frühzeitig begonnen, die Umgestaltung der Arbeitsplätze in Produktion und Büros zu begleiten und sich von Experten der IG Metall beraten lassen. Bereits heute zeichne sich ab, dass bei Flammenfilter trotz des hohen Facharbeiteranteils von 90 Prozent keine Arbeitsplätze durch die Digitalisierung wegfallen, aber dass Anpassungsqualifizierungen an die neuen Arbeitsprozesse notwendig würden.

Der Transformationsatlas soll vor allem denjenigen Betrieben helfen, die in diesem Prozess hinterherhinken. Gröger: „Die Arbeitgeber müssen schnellstens ihre Hausaufgaben bei Strategie und Qualifizierung machen. Und sie müssen Beschäftigte und Betriebsräte frühzeitig einbinden, auch ihre Ideen erfragen. Wir wollen den Transformationsprozess mitgestalten: Jeder soll mitgenommen werden beim Strukturwandel.“

Der Bezirksleiter der IG Metall lobte die Landespolitik in Hannover für den Start des „Strategiedialogs in der Automobilindustrie in Niedersachsen“ am 10. Mai 2019, bei dem künftig Vertreter der Arbeitgeber und IG Metall, aber auch der Politik und der Wissenschaft Handlungsempfehlungen für Niedersachsen entwickeln sollen: „Wir haben diese Initiative schon 2017 vor der Landtagswahl eingefordert. Aber auch in Sachsen-Anhalt brauchen wir einen solchen Dialog. Wir müssen alle Akteure frühzeitig einbinden, auch die Betriebsräte.“

Von der Bundesregierung forderte Gröger unterstützende Maßnahmen durch arbeitsmarktpolitische Instrumente wie durch ein Transformationskurzarbeitergeld, um die Beschäftigten quasi wie eine Beschäftigungsbrücke im Betrieb zu halten und für neue Aufgaben zu qualifizieren sowie eine Veränderung der Bezugsdauer von ALG I: „Nur Kabel verlegen oder Funkmasten aufstellen ist noch keine Agenda für die digitale Welt. Der digitale Wandel kann nur gelingen, wenn wir ihn zu einem gesellschaftlichen Großprojekt machen.“ 

Aus diesem Grund mobilisiere die IG Metall in den Betrieben für die Beteiligung an einer Großdemo am 29. Juni in Berlin: „Wir fordern von der Politik und den Arbeitgebern eine soziale, ökologische und demokratische Transformation, die nicht zulasten der Beschäftigten und der Arbeitsplätze geht.“

 

Quelle: IG Metall-Bezirk Niedersachsen und Sachsen-Anhalt: Presseinformation "IG Metall sieht dringenden Handlungsbedarf bei der Transformation" vom 12.6.2019, Nr. 20/2019


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